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Erfahrungsbericht “Studium in Urbana-Champaign, Illinois, USA” von Rika Esser
Vorbereitung des Auslandsstudiums
Ich habe 1995-96 ein Studienjahr in den USA verbracht. Die Vorbereitung hat, die Fehlversuche bei Bewerbungen um Stipendien mitgerechnet, ca. 2 Jahre gedauert.
Ich bin kleinwüchsig und benutze zur Fortbewegung über längere Strecken wahlweise einen E- oder Schiebrolli.
Finanzierung des Studiums
Wenn auch nicht alles vorgeplant werden kann, ist es trotzdem wichtig, die Finanzierung des Studiums im Vorfeld zu sichern: gelingt dies nicht, kann es Probleme mit dem Visum geben, da dafür ein Nachweis ausreichender finanzieller Mittel absolut notwendig ist.
Geld musste ich auftreiben für:
- Studiengebühren (ca. 7000 – 12000 $ im Studienjahr)
- Mobilität
- „Leben“
- medizinische Kosten
- Assistenz
- Die Leistungen der Pflegeversicherung fallen in den USA weg, da kein Abkommen besteht.
- Bei mir hat sich eine Mischfinanzierung aus folgenden Trägern ergeben, die alle Kosten abgedeckt hat:
- überörtlicher Träger: Assistenzbedarf
- DAAD-Stipendium: Lebenshaltungskosten, Flug, Krankenversicherung
- private Stiftungen (Willy Rebelein-Stiftung, Stiftung zur Förderung körperbehinderter Hochbegabter): Mobilität, Wohnheim
- DAAD-Familienzuschlag: sonstiger behinderungsbedingter Mehrbedarf
Equipment / Hilfsmittel
Am besten ist es, vor der großen Reise alle fahrbaren Untersätze und sonstige Hilfsmittel einer Generalüberholung zu unterziehen. Wenn neue Hilfsmittel gekauft werden müssen, ist es hilfreich, wenn diese auch in Amerika vertreten sind (wie z. B. Invacare, ohne hier Werbung betreiben zu wollen).
Bei E-Rollis ist zu bedenken, dass die Spannung in USA nur 110 V beträgt – man kann sich ein dementsprechendes Ladegerät entweder im Sanitätshaus bestellen oder auch in Einzelanfertigung ein verstellbares Gerät (110 / 220 V) anfertigen lassen. Vom Kostenpunkt her kommt dies ungefähr auf‘s Gleiche raus.
Ich habe einige Zeit lang Infos über die Mitnahme meiner Autos gesammelt, bin dann aber zum Schluss gekommen, dass dies zu teuer kommt, denn:
- Transport: per Schiffsfracht ist eine nur ungenügende Versicherung möglich (gegen Mienen, Kriegsausbruch)
- Versicherung: die teure Zusatzausstattung war überhaupt nicht versicherbar
Beachten muss man bei der Einfuhr auch die Baubestimmungen des jeweiligen Bundesstaates: im schlimmsten Fall muss man noch Dinge umbauen, um das Auto fahren zu dürfen.
Krankenversicherung
Die Krankenversicherung kann zu einem echten Problem werden: viele Versicherungen schließen sog. „pre-existing-conditions 220; aus dem Leistungskatalog aus, d. h. sämtliche Kosten, die bedingt sind durch Folgen von Behinderungen, Krankheiten etc., die vor Versicherungsabschluss bekannt sind, werden nicht übernommen.
In der Gruppenversicherung des DAAD war eine solche Klausel zum Glück nicht mehr vorhanden. Die meisten deutschen Krankenversicherungen haben keine Abkommen mit den USA. Nach Aussage eines Versicherungsmaklers würde auch keine private Versicherung ein solches Risiko übernehmen.
In der Regel müssen Kosten erst selbst gezahlt werden, und werden dann von der Versicherung rückerstattet. Aus diesem Grund habe ich ein zinsloses Darlehen bei der Studienstiftung der Uni Mainz aufgenommen (10000 DM).
Für kleinere Gesundheitsprobleme haben die meisten Unis auch „medical-centers“, in denen man sich kostenlos behandeln lassen kann.
Universitätswahl
Ich habe die Wahl der Uni v. a. an der Zugänglichkeit und den Services für Studierende mit Behinderung festgemacht, da es innerhalb eines Jahres schwierig ist, eine Uni zu reformieren oder revolutionieren (neben dem Studienpensum natürlich …).
Mittlerweile ist die beste Möglichkeit natürlich, sich im Internet zu informieren. Jede Uni, die etwas auf sich hält, wird auch Infos für Behinderte anbieten. Es gibt natürlich Unis, die besonders bekannt für ihre Services sind. Sie sind in einem Studienführer, der in Amerika-Häusern erhältlich ist, beschrieben. In Amerika-Häusern kann man auch andere Studienführer einsehen, die ich jedoch nicht besonders hilfreich fand, da sie zu abstrakte Informationen über Zugänglichkeit haben („40 % Zugänglichkeit: Rampen, niedrige Trinkwasserhähne“ - letzter ist natürlich besonders ausschlaggebend für die Uniwahl!).
Natürlich solle die fachliche Neigung auch eine Rolle spielen.
Assistenz
Ich habe mich für die Organisation der Assistenz vor Ort entschieden. Die Begleitung durch Assistentinnen aus Deutschland erschien mir zu umständlich: regelmäßig hätten Leute rotiert werden müssen, und ich hätte insgesamt ca. 4 Leute gebraucht, für die natürlich auch Flüge, ein Zimmer etc. gezahlt werden müssen.
Informationen zur Assistenzsituation vor Ort kann man sich über die jeweilige Uni sowie die CILs (Centers for Independent Living) eingeholt werden. Einige CILs haben auch Assistenzbörsen.
Mit Assistenten in Amerika sollte man aber etwas vorsichtig sein: in meiner Zeit wurden 3 Leute (darunter leider auch ich) von Assistenten beklaut.
Unterkunft
Für Infos zur Unterkunft gilt das gleiche wie für Assistenz: am besten fragt man die Unis selbst oder CILs an. Wenn man sich für ein Wohnheim entscheidet ist zu beachten, dass amerikanische „dorms“ immer über die Ferien geschlossen sind (auch bei nur wenigen Tagen, wie z. B. über Thanksgiving!). Besonders wichtig ist das natürlich, wenn die Assistenz an das dorm gekoppelt ist.
Mögliche Probleme / Hürden
Bei den Vorbereitungen bin ich auf einige Hürden gestoßen – hier die gravierendsten:
- Infos der amerikanischen Unis werden nicht geschickt – dies ist mir mehrfach passiert, selbst bei Ausschöpfung sämtlicher „Kommunikationskanäle“
- Am besten man beauftragt eine offizielle Institution (Stipendiengeber, Behindertenbeauftragte), eine Anfrage zu schreiben
- Man ist der „erste Fall“ beim überörtlichen Träger
Nutzt die politischen Gremien, die es gibt aus. Ich habe z. B. bei einem Roundtable mit dem Sozialminister vorgesprochen. Außerdem aber ich mich mit einem Gutachten des Behindertenbeauftragten des Senats gewappnet. Ein Blick in die Studienordnung kann auch nicht schaden: wenn dort ein Auslandsaufenthalt „dringend angeraten“ wird, kann das der eigenen Argumentation nur nützen.
Zeitliche Koordinierung – mit was fange ich zuerst an?
Schwierige Frage – wenn man eine Vollfinanzierung anstrebt, würde ich ein allgemeines Stipendium als erstes beantragen. Falls man dieses ergattert, hat man eine gute Ausgangsbasis für die Zusatzfinanzierung (Stichwort Anti-Diskriminierung: jeder andere Studierende könnte ja jetzt auf jeden Fall ins Ausland aufbrechen).
Abgesehen davon kann es aber leider jederzeit zu leichten bis mittelschweren Chaoszuständen kommen…
Achtung! Amerikanische Bürokratie ist auch nicht besser als die deutsche.
Die University of Illinois at Urbana-Champaign
Wer Näheres nachschlagen möchte, sei auf http://illinois.edu/ verwiesen.
Kurze Geschichte / Zugänglichkeit
Urbana-Champaign ist eine kleine Stadt im mittleren Westen. Es bestehen aber gute Verkehrsanbindungen (Flughafen, Autobahn, Zug). An der U of I studieren etwa 30 000 Studenten, wodurch es ein lebhaftes Campusleben gibt.
Die U of I liegt in den Ratings, was Zugänglichkeit betrifft, meist auf Platz # 1 in den USA. Dies hängt damit zusammen, dass das „Rehab Program“, das 1947 angefangen wurde, das erste in den USA war. Man kann also Rehabilitation studieren, aber auch Services des Department of Rehabilitationen als ganz „normaler behinderter Student“ in Anspruch nehmen. Auf dem Campus tummeln sich dementsprechend viele Behinderte. Zugangstechnisch hat sich die U of I in dem Jahr um einiges gebessert, d. h. an so gut wie allen Eingangstüren sind jetzt auch Türöffner installiert. Wenn man sich noch nicht so gut auskennt, muss man allerdings manchmal nach dem entsprechenden Eingang suchen.
Am bekanntesten ist die Uni für die Bereiche „Agriculture“, „Engineering“ und „Accounting“, aber auch sonst wird eine breite Palette von Fächern angeboten. Außerdem ist die U of I dafür bekannt, ein gutes Preis-Leistungsverhältnis zu bieten.
Services des Department of Rehabilitation
Für eine aktuelle Aufstellung sei auf die Homepage verwiesen. Meinerzeit waren die wichtigsten Service:
- Notetaker service
Mitschriften (durch Kohlepapier) konnten durch Kommilitonen angefertigt werden. Diese wurden dafür bezahlt. - Prüfungsanpassung
Auf Antrag konnten Prüfungszeiten verlängert werden oder Prüfungsmaterial in anderer Form (z. B. Braille) zur Verfügung gestellt werden. - Wheelchair Repair Shop
In der auf “wheel-in”-Basis funktionierenden Werkstatt wurden Reparaturen an Hilfsmitteln durchgeführt. Die Kosten für die Ersatzteile musste man allerdings selber tragen. - Sportprogramm
Sport wird an der U of I zum Teil professionell, z. T. auf „credit point“-Basis betrieben, d. h. die Stunden werden als offizielle Unterrichtsstunden angerechnet. Man setzt sich seine eigenen Ziele zu Anfang des Semesters und zieht dieses Programm dann durch. Professionell betrieben werden Basketball und Racing. Es steht ein Trainingsraum mit Geräten zur Verfügung. - Transport
Der “Rehab Bus” ist mit einem Lift ausgestattet und sichert den Transport auf dem Campus bzw. zum Campus. Dies ist besonders im Winter wichtig, wenn hoher Schnee liegt. Aber auch ansonsten sind Transportprobleme nicht zu unterschätzen, da der Campus erhebliche Ausmaße hat.
Beckwith Hall ist ein Wohnheim, das sich v. a. auf die Belange Behinderter eingestellt hat. Es können zwar auch Nichtbehinderte dort wohnen, i. d. R. sind es aber fast ausschließlich Behinderte. Dort können ca. 30 Studis wohnen.
Es bietet folgende Services (die man aber nicht in Anspruch nehmen muss):
- zugängliche Zimmer mit geteiltem Bad (2 Leute teilen sich ein Bad)
- Vollverpflegung – „feeder service“ gibt es zu Essenszeiten
- eine Bereitschaft für das ganze Haus steht 24 Std. zur Verfügung
- Zimmerservice: die Zimmer werden geputzt und die Wäsche gewaschen
- Computerraum mit 4 PCs / Macs
- max. 4 Std. individuelle Assistenz pro Tag
Der ganze Spaß kostet natürlich auch eine Menge Geld – Stichwort Finanzierung ….
Zu bedenken ist auch, dass man neben dem Studium her in den USA weniger Zeit hat als in Deutschland (dafür sind die Ferien aber auch wirklich frei).
Die Assistenz war so geregelt, dass alle Studis eine Liste mit vorgeprüften Helfern bekamen. Dann ging der große Run auf die Assistenten los. Dadurch, dass es einen relativ großen Hilfebedarf gibt, besteht ein Unterangebot von guten, verlässlichen Assistenten, was letztlich dazu führt, dass man nimmt, was man bekommt. Die Übergänge, also bei Ankunft und bei Semesteranfang, sind assistenztechnisch kritisch.
Wegen dem niedrigen Lohnniveau (5-7 $ pro Stunde) gibt es natürlich auch manchmal Assistenten, die ihren Lohn dadurch aufbessern wollen, dass sie dem Assistenznehmer Geld klauen. Das ist in meiner Zeit mit zwei Assistenten passiert, die insgesamt drei Leute beklaut haben.
Vor- und Nachteile eines tradierten Angebots für behinderte Studis
Eindeutiges Plus eines breit gefächerten Reha-Programms ist das effiziente Studium. Mir war es wichtig, möglichst wenig Zeit mit organisatorischen oder haushaltstechnischen Dingen zu verbringen und dafür sicherzugehen, dass der vom Stipendiengeber geforderte Studienerfolg nicht ausbleibt.
Die gute Zugänglichkeit sparte mir eine Menge Stress, auch freizeitmäßig.
Dadurch, dass Rehabilitation auch ein Studienfach ist, trifft man hier eher Behinderten gegenüber offene und interessierte Leute. Außerdem wird auch Forschung zur Situation behinderter Studis betrieben, und man bemüht sich, die Situation auf der Uni zu verbessern. Während man bei uns doch meistens hinter den Zuständigen an der Uni hinterherlaufen muss, um eine Verbesserung zu bewirken, geht man dort auf die Studis zu und fragt, was man für Verbesserungsvorschläge einzubringen hat (so viele Fragebögen zur Situation Behinderter wie dort habe ich vor- und nachher nicht mehr ausgefüllt).
Nachteile sind meiner Ansicht nach, dass durch einige Services, wie Beckwith und den Bus, auch die Aussonderung behinderter Studis begünstigt wird. In Beckwith Hall leben bspw. fast ausschließlich Behinderte, und das Campus-Bussystem ist nicht zugänglich – es gibt ja den Rehab-Bus…. Dadurch, dass sich diese Services etabliert haben, gibt es in der Hinsicht weniger Flexibilität.
Freizeitaktivitäten
Auf dem Campus wird einiges geboten: neben einem eigenen Theater und der Konzerthalle, wo auch Gastspiele von professionellen Theatergruppen und Musikern geboten werden, gibt es 600-800 studentische Clubs, in denen man sich engagieren kann. Ich war – wenn auch nicht permanent – in der Asian American Association, in der Disabled Students’ Organization, einer International Students’ Group und dem Japanese Conversation Club aktiv.
Das lokale Bussystem ist sehr gut: ALLE Busse verfügen über Rampen oder Lifts.
Reisen in den USA
In dem Jahr habe ich auch andere Staaten bereist: ich war des öfteren in Chicago, bin nach New York City und Long Island geflogen, habe Vermont, Indiana, Colorado und San Francisco besucht.
Durch den Americans With Disabilities Act (ADA) kann man sagen, dass man mit einer Mobilitätsbehinderung besser zurechtkommt als in Deutschland. Die Situation in den unterschiedlichen Städten / Regionen kann jedoch sehr unterschiedlich sein: Deshalb ist es ratsam, sich vorher mit einem Behindi-Reiseführer vorzubereiten bzw. eine Begleitperson mitzunehmen. Diese Reiseführer sollten in jeder besser sortierten Buchhandlung zu finden sein.
Ich empfand das Flugzeug als das angenehmste Fortbewegungsmittel: die Assistenz ist gut organisiert, und über weite Strecken ist es sowieso am praktischsten. Der Amtrak ist nicht optimal ausgestattet – man muss sich vorher anmelden, da es keine fahrzeuggebundene Einstiegshilfe gibt (mit Hand angelegte Rampe). Greyhoundbusse sind nicht angepasst.
Der Zugang zu öffentlichen Verkehrsmitteln ist unterschiedlich weit fortgeschritten. Meist gibt es aber irgendeine Form der Anpassung an behinderte Fahrgäste.
Für Fahrten mit einem angepassten Bus (van service) muss man sich vorher eine Berechtigungskarte besorgen, mit der belegt wird, dass man öffentliche Verkehrsmittel nicht benutzen kann.
Ein Problem kann die Fahrt vom Flughafen in die Innenstadt werden: Die Verkehrsbetriebe sind nur verpflichtet, den van service auf den Strecken anzubieten, auf denen auch ihre Verkehrsmittel fahren. Häufig liegen aber Flughäfen so weit außerhalb, dass keine öffentlichen Verkehrsmittel dort hinfahren, und folglich gibt es auch den van service nicht.
Kurzer und schmerzloser Schluss
Abschließend möchte ich alle ermutigen, sich ins Abenteuer zu stürzen, auch wenn es eine irre Vorbereitungsarbeit erfordert. Man muss natürlich immer irgendwie „zahlen“ – sei es, dass man Freunde oder den Partner zu Hause verliert durch die Abwesenheit, oder dass das Studium in die Länge gezogen wird, oder dass man wieder auf Wohnungssuche danach gehen muss. Diese Verluste sollte man versuchen abzuwägen mit dem Nutzen und dem Spaß, den man durch ein Auslandsstudium hat, aber nicht alle diese Dinge sind vorauskalkulierbar.
Ich konnte trotz aller Hindernisse zumindest aus diesem Aufenthalt eine positive Bilanz ziehen, und zehre heute noch im wahrsten Sinne des Wortes von dem Jahr – in Form meines Klamotten- und Schuhvorrats, den ich mir in exzessiven Shoppinganfällen zugelegt habe.
