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Blindfischli in Freiburg von Yisita
Ich studiere im dritten Semester Rechtswissenschaft in Freiburg. Zu meinen herausragenden Merkmalen gehören Fröhlichkeit, Reiselust und meine Sehbehinderung. Ich bin sehr, sehr… kurzsichtig (gesetzlich bin ich blind), doch mein Sehrest reicht, um mich allein durch die Flughäfen und Städte dieser Welt zu bewegen. Wie? Na ja, mit Lupe, Fernglas und viel Fragefreude. Meine Reisen sind aber nicht, wovon ich erzählen mochte, sondern der lange Weg, den ich gehen musste, um die riesige, unübersichtliche und laute Universität Freiburg in einen vertrauten Ort zu verwandeln.
Endlich war es geschafft! Fünfzehn Jahre Schule gingen zu Ende und ich stand da, mit dem Abitur in der Tasche und dem Kopf voller Pläne.
Während eines 2-monatigen Aufenthalts in Irland erfuhr ich, dass mein Traum, in Freiburg Jura zu studieren, wahr werden würde. Ein paar Wochen später war auch ein schönes Apartment sicher. Endlich war es so weit, mein Traum war keiner mehr, sondern herrliche Realität!
Einen Monat vor Studienbeginn zog ich nach Freiburg um, da ich meine neue Umgebung gründlich unter die Lupe nehmen wollte: Wo sind die Vorlesungsräume? Wie ist die Mensa aufgebaut? Wo kann ich einkaufen? Wo ist der Knopf am Kaffee-Automat des Europa-Kaffees? Alle diese Fragen mussten geklärt werden und dabei half mir meine Mutter. Dies soweit sie es konnte, denn in der Mensa und in der Zentralbibliothek war auch sie mit ihrem Latein am Ende.
Nach einer Einführungswoche für Erstsemestler/innen, bei der ich nicht beim „Kaffee und Kuchen“ dabei sein konnte, weil ich die Leute nicht gefunden habe, begann endlich das Semester! Ich bin fast eine halbe Stunde früher hingegangen, weil ich bloß nicht zu spät kommen wollte, man weiß ja nie, wie lange man braucht, um einen Raum zu finden! Da diesmal der Raum mit sehr großen Ziffern markiert war, war ich die erste… Hauptsache nicht zu spät!
Die ersten Bekanntschaften waren gemacht, nun war die erste Übung an der Reihe. Kurz bevor der Unterricht begann, meldete ich mich und sagte mit klopfendem Herzen, dass ich sehbehindert sei und fragte, ob ich die Folien auf einem Zettel bekommen könnte. Der Übungsleiter reagierte sehr freundlich und offen, was mich sehr ermutigte. Seit diesem Tag mache ich es bei jeder Übung gleich und bis jetzt habe ich nur gute Erfahrungen gesammelt! Eine Übungsleiterin hat mir sogar von selbst angeboten mir die Unterlagen einen Tag vorher per E-Mail zu senden, damit ich mich vorbereiten kann. Diese Geste hat mich sehr erfreut, sie ist jedoch eine Ausnahme. Meistens bin ich diejenige, die auf den Professor zugeht und meine Bedürfnisse schildert. Das ist auch völlig in Ordnung so, ich verlange nicht, dass sich der Dozent in mich hineinversetzt.
Das Studium war mehr oder weniger geregelt, eine Freundin hatte mich durch die Bibliothek geführt und der Aldi war schon erkundet, doch ich wusste immer noch nicht, wie ich die Mensa bewältigen sollte. Da meldete ich mich beim Behindertenreferat der u-AStA, „Studieren ohne Hürden“ www.studieren-ohne-huer.de und bat um eine Mensaführung, welche ich auch sofort bekam. Seitdem kenne ich die Mensa wie die eigene Küche und „Studieren ohne Hürden“ ebenso.
Oh Schreck! Die erste Klausur rückte näher und ich hatte mich immer noch nicht um eine Zeitverlängerung gekümmert! Gott sei Dank wusste ich, welche Schritte zu gehen waren, da ich aus einer Sehbehindertenschule kam und dort gut informiert worden war. Nach einem Besuch beim Augenarzt und beim Dekanat, waren die 50% Zeitverlängerung genehmigt.
Ich kam nach Freiburg nicht nur um zu studieren, deshalb ging ich gleich zum ersten Treffen der Fachschaft, zu einem Chor, zum kostenlosen Hochschulsport (Aerobic uä) und fing an, mich bei „Studieren ohne Hürden“ zu engagieren. Überall lernte ich viele nette Menschen kennen, manche davon habe ich nie wieder gesehen, doch manche sind meine Freunde geworden.
Und nun noch ein Wort zu meinen Hilfsmitteln: Wie oben erwähnt, sind meine Lupe (12-fache Vergrößerung) und mein Fernglas meine treuesten Begleiter. Mit dem Fernglas kann ich Straßenschilder, Raumnummern, Tafeln usw. lesen und die Lupe reicht für das Lesen von Taschenbüchern. Wenn die Schrift noch kleiner wird, was bei Jurabüchern oft der Fall ist, arbeite ich mit einem Bildschirmlesegerät. Das ist eine Art Projektor, der den Text jedoch nicht auf eine Wand sondern auf einen Bildschirm projiziert. Den projizierten Text kann ich dann beliebig vergrößern und verkleinern. Am Computer arbeite ich mit einer Vergrößerungssoftware und einer Sprachausgabe.
Abschließend möchte ich sagen, dass ein Studium mit Behinderung mit größerem Aufwand und häufigen Stresssituationen verbunden ist. Doch mit der erforderlichen Technik, guten Freunden, Ehrgeiz und viel Humor ist es eine wunderbare Sache, die ich jedem mit ruhigem Gewissen empfehle!
Yisita, Februar 2004
