Aufsatz Behinderung und Studium von Margit Schaßberger

Situation behinderter Studierender

Den Daten der 16. Sozialerhebung des deutschen Studentenwerks vom Jahr 2000 zufolge haben 2% aller Studierenden an deutschen Hochschulen eine Behinderung . An chronischen Krankheiten leiden 13% der Studierenden, 85% haben keine Behinderung oder chronische Krankheit. Es ist zu bedauern, dass keine empirischen Vergleichsdaten hinsichtlich der Anzahl der Personen mit Erwerb der Hochschulzugangsberechtigung von Sinnes- und Körperbeeinträchtigten im Verhältnis zu Nichtbehinderten gefunden werden konnten. Aufzuzeigen, wie die 2% der behinderten Studierenden die Hochschulzugangsberechtigung erreicht haben, einschließlich der wahrscheinlich damit verbundenen behinderungsbedingten zusätzlichen Schwierigkeiten, würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Auch bleibt der mögliche Zusammenhang zwischen Beeinträchtigung und Studienmotivation sowie mögliche Auswirkungen der geringeren beruflichen Alternativen Behinderter - hinsichtlich ihres Studiums - ungeklärt. Unberücksichtigt bleiben zudem die psychologischen Aspekte, die Ängste, die im besonderen Maße die beeinträchtigten Studienanfänger betreffen, die bislang ausschließlich in Sondereinrichtungen beschult wurden und sich nun in eine “ganz normale? Hochschule integrieren müssen. Dabei gilt es nicht nur die Strukturen und Gegebenheiten der potentiellen Universitäten, sondern auch die Wohn- und Lebenssituation der entsprechenden Städte zu eruieren und miteinander zu vergleichen. Nachfolgend führe ich einige Fragen auf, die beeinträchtigte Studienbewerber beispielsweise für sich klären müssen. Zur Auseinandersetzung mit derartigen Fragen stehen bisher jedoch häufig keine professionellen Ansprechpartner zur Verfügung.

Gibt es eine geeignete Wohngelegenheit, welche den behinderungsbedingten Mehrbedarf berücksichtigt?

Insbesondere für Mobilitätseingeschränkte (z.B. Rollstuhlfahrer und Blinden-Führhundhalter) ist es häufig äußerst schwierig, eine geeignete Wohnung am Studienort zu finden. Neben Zugänglichkeit und höherem Raumbedarf müssen Kriterien wie z.B. Anbindung ans öffentliche Verkehrsnetz, ggf. Auslaufmöglichkeit für den Blindenführhund, die Nähe zum Studienort, Einkaufsmöglichkeiten und barrierefreie Arztpraxen im besonderen Maße berücksichtigt werden.

Ist ein zuverlässiges öffentliches Verkehrsnetz vorhanden und mit der entsprechenden Behinderungsart nutzbar?

Für Sehbeeinträchtigte ist das Ansagen der entsprechenden Linien und Haltestellen Voraussetzung zur selbständigen Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel. In vielen Städten wie z.B. in Kassel, Mainz und Dortmund gibt es zum Teil Niederflurbahnen oder Busse ausgestattet mit einem entsprechenden Rampensystem. Derartige Verkehrsmittel können auch von Gehbeeinträchtigten häufig problemlos genutzt werden. Leider kommt es auch auf als barrierefrei ausgewiesenen Linien zum Einsatz von Wagen, die ausschließlich mit Stufen ausgestattet sind. Wie kann nun z.B. ein elektrorollstuhlfahrender Student noch pünktlich zur Vorlesung kommen? Per Taxi dürfte es sich äußerst schwierig gestalten, da diese i. d. R. über keine Hebebühne oder Rampe verfügen. Fahrdienste, wie sie z.B. von der Johanniter Unfallhilfe oder dem Malteser Hilfsdienst angeboten werden, müssen i. d. R. vorher angemeldet sein und werden zudem häufig kostenintensiv (als sog. Krankentransport) abgerechnet.

Gibt es insbesondere an der Universität genügend Parkmöglichkeiten z.B. speziell ausgewiesene Behindertenparkplätze?

Werden seitens der Universität personelle und technische Hilfen angeboten? Wie erfolgt die Organisation von Assistenzleistungen und deren Finanzierung?

Ist das Lehrpersonal bereit, die Vortragsvorlagen z.B. schwerhörigen Studierenden zu kopieren, da diese nicht gleichzeitig von den Lippen ablesen und mitgeschrieben werden können? Welcher Organisationsaufwand muss diesbezüglich seitens der beeinträchtigten Studierenden geleistet werden?

Gibt es Umsetzungsdienste, welche Studienmaterialien für sehgeschädigte Studierende aufbereiten?

An der Universität Dortmund gibt es beispielsweise das “Leuchtturmprojekt?. Dort können die Studienunterlagen sowohl vom Lehrpersonal, als auch von den an der Universität studierenden Sehbeeinträchtigten abgegeben werden. Die Unterlagen werden dann in die für die beeinträchtigten Studierenden geeignete Form z.B. Großschrift, Blindenschrift oder in elektronische Form “übersetzt?.

Sind Professoren und entsprechende Prüfungsämter zu Prüfungsmodifikationen bereit?

Bei unterschiedlichen Behinderungsarten ist die Notwendigkeit von Prüfungsmodifikationen gegeben. So sollten z.B. bei Sprachproblemen (z.B. Stottern im Zusammenhang mit einer Spastik) mündliche Prüfungen durch schriftliche ersetzt werden können. Blinde und Sehbehinderte brauchen die Klausurfragen in einer für sie wahrnehmbaren Form. Denkbar sind hier z.B. Großdruck, Brailleschrift oder elektronische Form (z.B. auf Diskette oder aufgelesen auf Kassette). Der sehgeschädigte Prüfling kann dann ggf. unter Verwendung seiner Hilfsmittel (z.B. adaptierter PC) und unter Berücksichtigung des höheren Zeitaufwandes die Fragen beantworten und seine Ergebnisse ausdrucken bzw. sie in Form einer Diskette abgeben. In Fächern in welchen z.B. Tabellenkalkulationen, Gleichungssysteme oder Grafiken vorkommen, wäre das Ersetzen der schriftlichen Klausur durch einen mündlichen Leistungsnachweis oder eine Hausarbeit angebracht, da die Bearbeitung derartiger Aufgaben trotz Einsatz computergestützter Hilfsmittel - wie Sprachausgabe und Braillezeile (Ein Zusatzgerät stellt den Bildschirminhalt in Blindenschrift mit beweglichen Metallstiften dar) - nicht zu bewerkstelligen ist. Häufig muss bei Anträgen auf Prüfungsmodifikationen mit langwierigen Bearbeitungszeiten gerechnet werden. Insbesondere gilt dies bei Abschlussprüfungen wie z.B. Staatsexamina.

Gibt es Ruheräume?

Bei einigen Beeinträchtigungsformen müssen feste Ruhe- oder Liegezeiten eingehalten werden. Für diesen Personenkreis ist es wichtig, dass die Universität Räume zur Verfügung stellt, die dies ermöglichen. Gerne werden diese Räumlichkeiten auch zur medizinischen Versorgung (z.B. Wechseln von Verbänden oder Einnahme von Medikamenten, z.B. auch intravenös, genutzt). Leider bekommt man an vielen Universitäten wie an der Universität in Kassel die Auskunft, für derartige Räumlichkeiten sei kein Platz vorhanden. Betroffene müssen daher auf Toiletten oder auf eigene PKW ausweichen.

Gibt es genügend Toiletten für Schwerbehinderte? Wie weit sind diese von den entsprechenden Unterrichtsräumen entfernt? Sind diese auch von Rollstuhlfahrern nutzbar, und in welchem Zustand befinden sie sich?

Gibt es Orientierungshilfen für Blinde und Sehbehinderte?

An der Universität Kassel sind an einigen Räumen Beschilderungen in Blindenschrift angebracht. Um diese zuverlässig nutzen zu können, muss diese Beschilderung regelmäßig überprüft und ggf. erneuert werden. Hilfreich sind darüber hinaus Blinden-Leitsysteme. Diese Orientierungshilfen können beispielsweise sowohl durch die unterschiedliche Strukturierung von Bodenbelägen taktil oder durch Geräuschmerkmale akustisch erfasst werden (wie z.B. das Plätschern des Wassers eines Brunnens) als auch durch olfaktorische Merkmale, wie z.B. Verwendung von bestimmten Pflanzen an typischen Orten, die die Geruchssinne animieren, gekennzeichnet werden (Vgl.: Loeschke, Gerhard/ Pourat,Daniela, S. 77)

Gibt es einen Hilfsmittelpool?

In einem Hilfsmittelpool stehen Geräte zur Verfügung, die von behinderten Studierenden und deren Lehrpersonal benutzt und entliehen werden können. Derartige Geräte können z.B. sein: adaptierte PCs, Microportanlage, Aufnahmegeräte, Tafelbildkopierer, sprechender Taschenrechner, etc.

Gibt es Tutorate, die die Behinderung berücksichtigen und bestehenden Barrieren entgegenwirken?

Diese könnten sich auf folgende Bereiche beziehen:

Erfordert der gewählte Studiengang einen Auslandsaufenthalt?

Eine ungleich größere Herausforderung stellt ein Auslandssemester an beeinträchtigte Studierende. Häufig stellen sich Fragen wie:

Sicherlich gibt es hinsichtlich der Bewerkstelligung eines Studiums mit / trotz Behinderung noch weitere Fragen. Trotzdem hoffe ich, dass es mir gelungen ist, diesbezügliche Schwierigkeiten (behinderungsbedingte Mehraufwendungen) darzustellen und einige Anregungen zur Verbesserung der Studiensituation Behinderter zu geben.