Aufsatz Behinderung und Studium von Margit Schaßberger

Fazit

Die Situation behinderter Studierender kann nicht isoliert betrachtet werden. Die Möglichkeit der Teilnahme am öffentlichen Leben, die Wohnmöglichkeiten und die Infrastruktur am Studienort sind wichtige Voraussetzungen, um ein Studium in einer bestimmten Stadt aufnehmen zu können. Ein allgemeingültiger Vergleich von Universitätsstädten sowie deren Bewertung kann nicht erbracht werden, da die besonderen Belange von Beeinträchtigten je nach Art und Schwere der Schädigung verschieden sind.

Betrachtet man die Studiensituation von Studierenden mit Beeinträchtigungen im Vergleich zu nicht beeinträchtigten Studierenden, so ist festzuhalten, dass Studierende mit Beeinträchtigungen einen wesentlich größeren Aufwand an Organisation, Zeit, finanziellen Mitteln, Durchhaltevermögen und Kreativität hinsichtlich Problem-Lösungs-Strategien aufbringen müssen, um erfolgreich studieren zu können. Häufig fehlt es an geschulter Unterstützung und Beratung im Umgang mit behinderungsspezifischen Problemen und deren Auswirkungen auf das Studium. Aufgrund der relativ geringen Anzahl an behinderten Studierenden sind oftmals noch Unsicherheiten und Berührungsängste im Umgang mit dieser Personengruppe - auch seitens des Lehrpersonals und der Kommilitonen - anzutreffen. Neben baulichen Barrieren müssen häufig auch Barrieren in der Didaktik und zunehmend auch technische Barrieren (z.B. wenn die Angebote der Hochschule im World-Wide-Web nicht barrierefrei gestaltet sind) überwunden werden. Behinderte Studierende können oftmals die Angebote der Hochschule nicht in dem selben Umfang nutzen wie nichtbehinderte Studierende, was sich nachteilig auf ihr Studium auswirkt und bis zum Abbruch des Studiums führen kann.

Um die Studiensituation behinderter Studierender zu verbessern wurden lokale und überkommunale Selbsthilfegruppen wie z.B. “das Autonome Behinderten Referat im ASTA der Universität Kassel” und “die Bundesarbeitsgemeinschaft behinderter / chronisch kranker und nichtbehinderter Studierender und AbsolventInnen e.V.” gegründet. Aufgrund kontinuierlicher Arbeit derartiger Gruppen konnten teilweise grundsätzliche Verbesserungen für Studierende mit Beeinträchtigungen erreicht werden. Diese positiven Beispiele struktureller Veränderungen sind jedoch nur an einzelnen Hochschulen anzutreffen. Die Intensität der behinderungsbedingten Benachteiligungen ist abhängig von den Angeboten der Universitäten und variiert innerhalb sowie außerhalb der Hochschulen (z.B. Zugänglichkeit der einzelnen Standorte und deren Gebäude). Die gleichberechtigte Teilhabe an universitären Elementen wie Forschung und Lehre ist im Sozialstaat Deutschland kein einklagbares Recht und häufig abhängig vom guten Willen der Verantwortlichen. Bis zum Erreichen von chancengleichen Bedingungen für behinderte und nichtbehinderte Studierende ist es noch ein weiter Weg. Jedoch kann man als Betroffener auch Verständnis und Hilfsbereitschaft seitens der Entscheidungsträger (wie Lehrpersonal, Bauabteilung, Prüfungsamt) finden. Die Beseitigung dieser Unsicherheit wäre ein erster Schritt. Oft ist das Studium jedoch ein ständiges Eintreten für Partizipation, die für Nichtbeeinträchtigte selbstverständlich ist erforderlich! Die Teilnahme von Blinden am Unterrichtsgeschehen ist schwer vorstellbar, wenn die Informationen im wesentlichen visuell dargestellt werden ; die Teilnahme an Veranstaltungen ist unmöglich, wenn die Räumlichkeiten für Mobilitätseingeschränkte nicht erreichbar sind). Bürokratische Hürden, finanzielle Argumente, gewohnte Verhaltensweisen, fehlendes Einfühlungsvermögen oder Ignoranz fordern Energie, Geduld und Durchhalte-vermögen sowie die Fähigkeit Lösungsalternativen zu bieten. Selbstbewusstes Auftreten, Diplomatie und Beharrlichkeit sind für beeinträchtigte Studierende unumgänglich, um das Studium erfolgreich abzuschließen. Die Gratwanderung zwischen selbstbewusstem, beharrlichem Eintreten und angebrachter Diplomatie ist schwierig und erfordert ein hohes Maß an Fingerspitzengefühl. Diese Fähigkeiten können nur durch “Versuch und Irrtum? erworben werden. Bleibt zu hoffen, dass das damit verbundene, mögliche Fehlverhalten (Niederlagen und Frustrationen) bei allen Beteiligten genügend Raum lässt für Toleranz und den Mut, nicht auf zu geben. Studieren mit Behinderung ist möglich, wenn sich Behinderte und Nichtbehinderte dazu herausfordern lassen.